Die ersten Kalender der Menschheit: Als der Tag mit dem Abend begann

Leben und feiern im Rhythmus der Natur: Der Keilschrift-Experte Walther Sallaberger erforscht, wie ein gemeinsames Verständnis von Zeit vor 5000 Jahren Gemeinschaft stiftete und Stadtstaaten ermöglichte.

Drei Stück Kleinvieh war die festgesetzte Gabe zur Neulichtfeier in der Stadt Uruk. So steht es auf einem jahrtausendealten Stück Ton. Auf anderen geht es darum, wer als Handwerker welche Bauarbeiten machte und wer wie viel Schafwolle oder Datteln ablieferte.

Hunderte solcher Tontafeln aus Mesopotamien hat Walther Sallaberger schon in den Händen gehabt und entziffert, die meisten zerbrochen, weil sie die Zeit nicht heil überstanden haben. „Es ist faszinierend, was für ein Mikrokosmos sich da eröffnet“, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Assyriologie an der LMU. Es sind die ersten schriftlichen Überlieferungen der Menschheit, mit Datum versehene Verwaltungsnotizen, mit einem Griffel in ein Stück Ton geschrieben.

Prof. Dr. Walther Sallaberger
© LMU / Manu Theobald

Walther Sallaberger gewinnt durch diese Vermerke Einblicke in all die kleinen und großen Regeln, die das Zusammenleben der Menschen geprägt haben. Es sind Erkenntnisse zu einer Phase der Menschheitsgeschichte, in der frühe Hochkulturen ein Verständnis entwickelten für etwas, das heutige Gesellschaften durchtaktet: das Management von Zeit.

Dass Forschende heute Zugang zu dieser Entwicklung haben, ist der Erfindung einer weiteren Kulturtechnik zu verdanken, die Einblicke in das Denken vergangener Kulturen gewährt: „Die Schrift wurde im Rahmen der Verwaltung erfunden. Dieser Schritt lässt sich gut nachvollziehen, von vorschriftlichen Archivierungshilfen zu ersten Schriftsystemen schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends vor Christus in der Stadt Uruk“, erklärt Sallaberger. „Die Gesellschaft war damals so komplex, dass das Zusammenspielen von verschiedenen Segmenten des Wirtschaftens mit schriftlicher Dokumentation besser funktionierte.“ Diese hätten dem „Monitoring“ des gemeinsamen wirtschaftlichen Handelns gedient, wie er es nennt.

»Die Existenz von Schrift hängt an der Verwaltung, aber die Verwaltung ist ohne Zeit nicht vorstellbar.«

Walther Sallaberger

Die erste Hälfte des 3. Jahrtausends vor Christus war die Zeit der Urbanisierung in Mesopotamien. „Damals leben so viele Menschen in Städten wie nie zuvor“, sagt Sallaberger. An den beiden Flüssen Euphrat und Tigris entstanden teils in ehemaligem Sumpfgebiet zahlreiche Stadtstaaten mit jeweils bis zu mehreren Zehntausend Bewohnerinnen und Bewohnern.

Dazu gehörten auch Orte im Umland, das mit einem Netz von Kanälen für den Feldbau durchzogen war, um die städtischen Gemeinschaften mit Nahrung versorgen zu können. „Natürlich leben die Menschen unter den archaischen Bedingungen der Frühbronzezeit, es gibt kein Speichenrad, keine Pferde, kein Eisen. Aber dieses Zusammenleben in den Städten führt zu beruflicher Differenzierung und zu Innovationen. Vieles, was später selbstverständlich war, wurde dort ausprobiert und geschaffen.“

Keilschrift-Tafel Brief „Es ist eilig“
„Es ist eilig!“

Die Menschen in Mesopotamien lebten im zeitlichen Einklang mit den Rhythmen der Natur. Doch wenn sie sich Briefe schrieben, war es oft eilig. „Es ist Sintflut“, lautete die gängige Formulierung, um einer dringlichen Angelegenheit Nachdruck zu verleihen. In diesem Brief heißt es etwa: „Wenn du (d.h. der Bote) das zu Puzur-Haja sagen könntest: 60 Kor (= 18.000 Liter) Gerste von den Einwohnern von Isin und die Gerste, die er gut hat, soll er (d.h. Puzur-Haja) für den Gott Enlil zu Malz verarbeiten. Er soll das nicht wieder vorbringen! Es ist Sintflut!"

© YPM BC 009622 [NBC 6638]. Courtesy of the Yale Peabody Museum, Babylonian Collection. Photography by Klaus Wagensonner.

Dazu gehört eine Erfindung, ohne die der Alltag in heutiger Zeit kaum denkbar wäre: Kalender. Die ersten kalendarischen Systeme lassen sich genau für diese Zeit in Mesopotamien nachweisen. Auf den tönernen Urkunden und Akten, die das wirtschaftliche Handeln dokumentieren, ist stets ordentlich das jeweilige Datum vermerkt. „Die Existenz von Schrift hängt an der Verwaltung, aber die Verwaltung ist ohne Zeit nicht vorstellbar“, sagt Sallaberger.

Anderer Ort, andere Zeit

Der Assyriologe zeigt in seiner Forschung auf, wie prägend das Verständnis und die Systematisierung von Zeit für das Leben in Gemeinschaft sind. Vereinbarungen treffen, sich an einem bestimmten Tag verabreden, organisieren, wer wann eine bestimmte Abgabe zu leisten hat: All das funktioniert nur, wenn sich alle einig sind, wann ein bestimmter Tag ist. „Eine Gemeinschaft wächst dadurch zusammen, dass sie ein gemeinsames Bezugssystem zur Zeit hat. Die Menschen konstruieren Zeit abhängig von der Welt, in der sie leben“, sagt Sallaberger.

In Mesopotamien entwickelten sich in den verschiedenen Stadtstaaten parallel mehrere Kalender, die eigenen lokalen Regeln folgten. Fast jeder Stadtstaat benannte Zeit auf seine eigene Weise. Doch alle Kalender folgten den natürlichen Rhythmen der Natur: dem Wechsel von Tag und Nacht, dem Mondzyklus und den vom Sonnenjahr bestimmten Jahreszeiten.

Eine Luftaufnahme der antiken Stadt Ur
Stadtstaaten im Takt des Mondes

In der Stadt Ur lebten im dritten Jahrtausend vor Christus bis zu 20.000 Menschen. Die jeweiligen Herrscher inszenierten beim alljährlichen Fest des Mondgottes Nanna ihre Macht.

© IMAGO / Anadolu Agency / Arshad Mohammed

Am Abendhimmel in Mesopotamien liegt die Mondsichel flach, als würde ein Schiff entlangsegeln. Wer dorthin blickte, konnte ohne viel Mühe erkennen, wie weit der aktuelle Mond vorangeschritten war. So etablierte sich der Mondkalender, der Beginn eines neuen Monats wurde auf das Erscheinen der neuen Mondsichel am Abendhimmel gelegt. Ein Monat hatte 29 oder 30 Tage, je nachdem, was die Beobachtung ergab. Wann ein Monat genau anfing, wurde lokal bestimmt und konnte zwischen den einzelnen Stadtstaaten um einen Tag variieren. Die Bezeichnung für den ersten Tag eines Monats war hingegen überall gleich: Mondlicht-Tag wurde er genannt.

Ein neuer Morgen zur Nacht

Sogar der Tagesbeginn hing vom Mond ab: Ein Tag begann mit dem Sonnenuntergang am Abend. „Das kann man schon für das 3. Jahrtausend vor Christus feststellen, weil Urkunden die Abfolge von Opfern am Abend beginnen lassen und am Morgen fortsetzen. Den Abend festzulegen, war insofern geschickt, als der Tag ja festgesetzt wurde als Punkt in einem Mond-Monat. Wenn der Tag mit Sonnenuntergang beginnt, sieht jeder abends, wie der Mond am Himmel steht, und weiß am Sonnenaufgang sicher, ob ein neuer Monat begonnen hat.“ Der normale Tageslauf begann jedoch auch in Mesopotamien mit dem Aufstehen morgens und endete mit dem Zubettgehen abends.

Neben Tag-Nacht-Wechsel und Mondlauf orientierten sich die Menschen damals an den Jahreszeiten, die vom Lauf der Sonne bestimmt werden. Sie waren in Mesopotamien geprägt von Flut, Kälte, Hitze und Trockenheit. „Die Menschen hängen mit ihrer Lebensweise davon in jeder Hinsicht ab. Das ganze Leben ist sehr viel näher an der landwirtschaftlichen Arbeit auf den Feldern, als wir es heute kennen. Auch der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus ist ganz anders spürbar.“ Es gab noch keine künstliche Beleuchtung, der Tag endete mit Sonnenuntergang und dem Hereinbrechen der Nacht.

Um das Mondjahr, das 354 Tage hatte, mit dem Sonnenlauf in Übereinstimmung zu bringen, wurde immer wieder ein 13. Monat als Schaltmonat eingeführt. Auch dieser unterschied sich lokal, sodass es zunächst überregional keinen übereinstimmenden Jahresbeginn gab.

Feiern der kosmischen Zeit

Die Rhythmen der Natur dienten als Vorlagen für die ersten Jahreskalender, in denen Tage gezählt wurden und es Namen für Monate gab. Diese Entwicklung machte es möglich, das Zusammenleben in den Städten zu organisieren. Die Zeit der Natur wurde kulturell eingebunden, mit Ritualen, Pflichten und Erwartungen erfüllt, die dem immer selben Takt folgten.

Das Banner von Ur (auch bekannt als das Kriegsbanner von Ur oder das Königliche Banner von Ur) ist ein sumerisches Artefakt, das auf dem Königsfriedhof der antiken Stadt Ur, die im heutigen Irak südlich von Bagdad liegt, ausgegraben wurde (ca. 2250 v. Chr.)
Feierlichkeiten vor fünftausend Jahren

Die Standarte von Ur ist Teil eines Grabs auf dem Königsfriedhof von Ur im heutigen Irak. Zu sehen ist ein königliches Bankett (oben) und der Transport von Waren und Nutztieren (Mitte und unten).

© IMAGO / CPA Media

Dem Mond kam auch hier eine besondere Rolle zu. Er war Anlass zur Freude, wenn er auftauchte, und zur Trauer, wenn er Ende des Monats verschwand. Mondfeiertage mit unterschiedlicher Bedeutung strukturierten das Leben. So gab der Lauf des Mondes Anlass zu sich regelmäßig wiederholenden Festen, die das gemeinschaftliche Handeln prägten.

Gerade an den Festkalendern zeigt sich Sallaberger zufolge, welche wichtige kulturelle Rolle zeitliche Übereinkünfte spielen. „An den Festen und ihrer Vorbereitung sieht man beispielhaft, wie entscheidend ein gemeinsames Verständnis von Zeit für das Zusammenleben ist, weil ein Fest ausgestattet wird. Die Orte eines Stadtstaates tragen dazu bei, die Menschen bringen ihre festgesetzten und erwarteten Festgaben in die Stadt. Das ist für alle Beteiligten planbar, weil die Feste eben innerhalb eines bestimmten Monats und an bestimmten Tagen stattfinden.“



Sallaberger nennt als Beispiel das alljährliche Fest des Mondgottes Nanna in der Stadt Ur, in der vielleicht bis zu 20.000 Menschen lebten. Beim Mondfest inszenierte auch der jeweilige Herrscher immer wieder aufs Neue seine Macht. „Es findet im neunten oder zehnten Monat zu Vollmond statt – das entspricht unserem Dezember und Januar. Das ist im Lauf des Jahres der größte und längste Vollmond, direkt nach der Wintersonnenwende. Es gibt also eine Verbindung vom Jahreskreislauf und dem Fest der Stadt. Damit ist die kosmische Zeit in den Ort geholt“, erklärt Sallaberger, der momentan an einer Geschichte der Religion im frühen Mesopotamien arbeitet.

Sallaberger beschreibt, wie sich die Stadt zu diesem Anlass von ihrer „schönsten Seite zeigte“ und viele Menschen auch aus dem zugehörigen Umland zusammenkamen und der Prozession zusahen. Der Umzug versinnbildlichte für die Zuschauenden, wie die Gottheit in den Tempel zieht. „Die religiöse Verankerung gibt dem Fest seinen Sinn, bei dem man aber auch die gesellschaftliche Ordnung sieht, weil von Würdenträgern, Militärs und einfachem Volk alle dabei sind. Ich sehe diese Feste als wichtige Treffpunkte, bei denen die Menschen zusammenkommen und man Teil einer Gemeinschaft wird.“

Professor Sallaberger mit Keilschrifttafel

Auf dieser runden Schultafel hat ein Schüler zwei in Schönschrift vorgeschriebene Wörter nachgeschrieben.

© LMU / Manu Theobald

Treffen am Tag nach Neulicht

Nicht jede Stadt orientierte sich bei den Kalendern an Gottheiten oder Festen. Stattdessen spielten andernorts landwirtschaftliche Ereignisse wie das Schneiden des Getreides zur Ernte eine Rolle bei der Bezeichnung von Zeit. So konnten sich beispielsweise die Menschen von Ur, Nippur oder Umma am dritten Tag nach Neulicht im Getreideschnitt-Monat treffen.

Eine weitere Methode war es, die Monate numerisch zu zählen. An manchen Orten nannten die Menschen dann einen Monat nicht nach Jahreszeiten oder Festen, sondern begannen sie von eins bis zwölf durchzunummerieren. „Das ist in manchen Regionen früher da als das namentliche Benennen von Monaten. Das hat mich sehr überrascht, weil es so modern wirkt“, erklärt Sallaberger.

Beginn einer neuen Zeit

Auch Jahre benannten die Menschen lokal unterschiedlich. An ihnen zeigt sich, welch große Bedeutung der jeweilige Herrscher für die Gemeinschaft hatte: Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Stadtstaats zählten einfach seine Regierungsjahre. Doch im 3. Jahrtausend vor Christus fing man an, die Jahre auch nach Ereignissen zu bezeichnen. Man referierte etwa auf das Jahr, als ein König gekrönt wurde, eine Eroberung gelang oder ein Kanal gegraben wurde.

Prof. Dr. Walther Sallaberger
Kulturerbe bewahren

Walther Sallaberger forscht aktuell unter anderem zu Tontafeln von Ausgrabungen der Stadt Umma im Süden des heutigen Irak und arbeitet mit Professorin Nawala A. Al-Mutawalli von der Universität Mossul zusammen: „Die Menschen im Irak haben eine ganz andere Beziehung zu ihrem kulturellen Erbe. Das zu erleben, hat meiner Arbeit eine neue Dimension eröffnet. Ich sehe uns in der Pflicht, diese alten Schriftdenkmäler als kulturelles Erbe der Menschheit zu bewahren.“

© LMU / Manu Theobald

Die unterschiedlichen lokalen Kalender fanden mit dem Untergang des Reichs von Ur, in dem die alten Stadtstaaten als Provinzen weiterlebten, um 2000 vor Christus ihr Ende. Mit dem Zusammenwachsen der Orte Babyloniens in einer ganz neuen politischen Gliederung setzte sich schließlich ein gemeinsamer Kalender durch. Von der anfänglichen Vielfalt von Kalendern profitieren Forschende wie Walther Sallaberger, geben sie doch bis heute Auskunft darüber, welche Städte und Orte dasselbe Zeitsystem nutzten und zusammengehörten – eine entscheidende Information für die Untersuchung und das Verständnis der vergangenen Hochkultur Mesopotamiens.

So kann ein Datumsvermerk auf einem Tonfragment auf einmal neue Bezüge eröffnen zwischen einem Stadtstaat und einem Ort, von dem vorher nichts bekannt war – „und schon ist die Landkarte wieder eine andere“, sagt Walther Sallaberger. So helfen ihm auch scheinbar unbedeutende bürokratische Notizen, die Geschichte und das Zusammenleben der Menschen vor Tausenden von Jahren zu rekonstruieren.

Walther Sallaberger ist Inhaber des Lehrstuhls für Assyriologie am Institut für Assyriologie und Hethitologie der LMU.

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